Kinderarmut: Kinder in Ostdeutschland deutlich mehr von Armut bedroht


Im Auftrag des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung untersuchen Eric Seils und Helge Baumann die räumliche Verteilung der Kinderarmut in Deutschland. Für ihre breit angelegte Studie berücksichtigten sie die Daten 39 einzelner deutscher Regionen aus den Jahren 2011 und 2012 und konnten so erstmals ein genaueres Bild zeichnen, als es die bloße Verteilung nach Bundesländern zulässt.

Nach ihren Ergebnissen liegt die Kinderarmut in Ostdeutschland weiterhin über dem Westniveau, allerdings haben sich einige Regionen in den neuen Ländern erheblich verbessert. Insgesamt betrachtet leben aber im westdeutschen Bremen die meisten Kinder unterhalb der Armutsgrenze. Bei der Definition von Armut richteten sich Seiler und Baumann an dem in der Europäischen Union geltenden Standard, nach dem weniger als 60 % des mittleren Nettoeinkommens die Armutsgrenze markieren. Für eine Einzelperson entspricht dies einem Nettoeinkommen von weniger als 869 Euro monatlich, Eltern mit einem Kind können bei einem Einkommen von weniger als 1566 Euro unter die Definition fallen. Im Bundesgebiet sind derzeit 18,9 % aller Kinder von Armut bedroht, im Westen sind es 17,4 %, im Osten 26,3 %. Die höchsten Werte ermittelten die Forscher für Mecklenburg-Vorpommern mit 33,5 % und Bremen mit 33,7 %. Bezirke mit hoher Kinderarmutsquote finden sich auch in Berlin, Düsseldorf, Köln, Münster und Arnsberg. Die niedrigste Kinderarmut kann deutschlandweit Rheinland Pfalz mit nur 9,9 % verbuchen, auch die gesamten Länder Bayern und Baden-Württemberg rangieren deutlich unter dem Bundesdurchschnitt. In Ostdeutschland konnte sich Sachsen-Anhalt seit dem Jahr 2005 von 33,9 % auf 29,2 % verbessern, auch in Dresden sank die Kinderarmut in diesem Zeitraum auf 20,7 %. Insgesamt ist die Kinderarmut in Deutschland im genannten Zeitraum zwar nicht gestiegen, liegt aber nach wie vor weit über der Armutsquote der Gesamtbevölkerung von 15,2 %.

Interaktive Karte auf den Seiten der Hans-Böckler-Stiftung.

Was Kinderarmut praktisch bedeutet, veranschaulichten die Forscher an weitergehenden Untersuchungen über die tatsächliche Mangelsituation: 10 % der Kinder im Westen und 12 % im Osten fehlt es am Allernötigsten, sogar an warmer Winterkleidung, ebenso viele leben in feuchten Wohnungen, und rund 30 % haben in den eigenen vier Wänden nicht genügend Zimmer. 70 % der Kinder aus einkommensschwachen Familien können keinen Urlaub machen, und Freizeitaktivitäten, wie Kinobesuche oder Kinderfeste mit Freunden, bleiben für alle ein seltener Luxus. Die beschränkte Teilnahme an sozialen Aktivitäten sehen die Wissenschaftler demnach als gravierendste Folge der Kinderarmut an.

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